Seit Januar 1997 reparierten und verkauften
in der Gumpesel-Werkstatt am Berner Bollwerk Erwerbslose alte Spielzeuge.
Jetzt wird in den neuen Werkstätten von Gump- & Drahtesel
in Bern-Liebefeld aufbereitet und im Pico Bollo-Laden am Bollwerk
weiterhin verkauft und neu auch der Verkauf gelehrt und trainiert.
Der frühere Werkstattchef Vic Alther, bei der «Gumpesel»-Gründung
1997 als umsichtiger Kenner an der Werkbank noch dabei, erinnert
sich: «Als wir im Januar 1997 ans Einrichten der ersten Werkstatt
am Bollwerk gingen, wussten wir noch nicht genau, welche Spielzeuge
uns in welchem Zustand gebracht werden. Wir passten die Einrichtungen
und Werkzeuge nach und nach den aktuellen Bedürfnissen an.» Sicher
war am 6. Januar 1997 nur eins: Im Gumpesel am Bollwerk 35 werden
künftig Arbeitslose in begleiteten Stellen alte, kaputte Spielzeuge
aller Art reparieren, und sie, wenn als Spende in der Werkstatt
abgegeben, nach der Reparatur im angrenzenden Pico Bollo-Verkaufsladen
auch
selbst verkaufen.
Die Idee einer Recycling-Werkstatt kam damals von Christine Angeli,
gelernte Lehrerin, frischgebackene Umweltberaterin und beim WWF
im Bollwerk 35 als Praktikantin aktiv; eine Vision, die im Rahmen
der angeregten Debatten um das Projekt «BollWerkStadt» ständig
an Form und Finesse gewann. Basis der gemeinsamen Entwicklungsarbeit
im Haus am Bollwerk war die Chance und der erklärte Wille,
im einst von einem Sattler- und Tapezierbetrieb genutzten Geschäftshaus
vis-à-vis der reizvollen Berner Reithalle, «vielfältige
Arbeitsformen, neue Erwerbsformen und exemplarische Projekte für ökologische
Arbeiten» unter einem Dach zu vereinen und erfolgreich zu
praktizieren. Ein weiteres Zitat aus dem ersten Konzeptpapier: «Die
Bollwerkstadt hat durch ihre zentrale Lage eine integrierende Aufgabe
in der Stadtentwicklung: sie bietet mit öffentlichen Räumen
Orte für Kommunikation, kulturellen Austausch und für
soziales Lernen.»
Christine Angeli spricht von einem «ganzheitlichen Haus»,
das hier unter der Federführung von Leuten des WWF, des Ökozentrums
und von Greenpeace, alle mit Büros im Bollwerkhaus eingemietet
und aktiv, entstanden ist: «Die Arbeit und das Zusammenarbeiten
waren ein Schwerpunktthema, das uns und speziell mich in dieser
Zeit der ansteigenden Arbeitslosenzahlen sehr beschäftigt
hat.» Angeli entwickelte in Eigenregie ein Beschäftigungsprogramm
rund um die Werkstatt, die zusammen mit einem eigenen Laden ideal
ins Parterre des Bollwerks 35 passte.
Das Kantonale Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit KIGA
(heute Berner Wirtschaft beco) sagte dem Projekt 1996 Zusammenarbeit
und
Subventionierung zu, nachdem die Stiftung für Berner Wohn-
und Arbeitsprojekte – von der Alternativen Bank ABS als soziales
Projekt mit einem Förderkredit von einer halben Million Franken
unterstützt – Christine Angelis Projekt eine offizielle
Heimat gegeben hatte. Denn ein staatlich gefördertes Beschäftigungsprogramm
konnte nicht von einer Privatperson lanciert werden.
Für Christine Angeli war erst nach längeren Recherchen
und eingehender Marktanalyse klar, dass in der Werkstatt am Bollwerk
idealerweise Spielsachen wiederaufbereitet werden: «Für
das Reparieren von Haushaltgeräten und anderen Grosswaren
fehlte hier schlicht der Platz und das Reparieren von Spielzeugen
schien mir damals schon einem Bedürfnis zu entsprechen.» Weder
Spielzeugimporteure noch die Detailhändler sahen ihr Geschäften
durch die Aktivitäten einer Berner Spielzeugrecycling-Werkstatt
gefährdet, was bei der Lancierung eines Arbeitslosenprojekts
gesetzlich verschriebene Bedingung ist: Ein solches Beschäftigungsprogramm
darf das Gewerbe nicht konkurrenzieren.
Und woher kam der Name Gumpesel für eine Institution, die
ALV-BezügerInnen und ausgesteuerten Menschen nicht nur begleitete
Arbeitsplätze und integrierte Weiterbildung bietet, sondern
auch dafür sorgt, dass Spielzeuge länger
leben? «Ich hatte immer mal wieder Kontakt mit Paolo Richter,
dessen Recycling-Werkstätte für Velos Drahtesel hiess
und ebenfalls von der Stiftung für Berner Wohn- und Arbeitsprojekte
getragen wurde. Irgendwann beim Nachdenken in den Bergen kam der
Name Gumpesel. So nennt man bei uns diese Vollgummibälle mit
Ohren, auf die man sich setzen und mit denen man rumhüpfen
kann.»
Gumpesel und Pico Bollo wuchsen in den letzten Jahren ständig.
Das Angebot wurde ausgebaut. Bis zu 35 Stellensuchende fanden in
den immer enger werdenden Räumlichkeiten am Bollwerk gleichzeitig
einen temporären Arbeitsplatz.
Auch das Sortiment im Pico Bollo-Laden weitet sich stetig aus.
Zu den selbst hergerichteten Spielsachen kamen immer mehr Unikate
und Sürprisen aus den Werkstätten anderer sozialer Unternehmungen
oder nachhaltig arbeitender Handwerksbetriebe. Erste Eigenprodukte
wurden gemeinsam mit dem Drahtesel entwickelt und – wie etwa
die Büroklammer «Speicher» – zur Serienreife
gebracht.
Ab Herbst 2001 kümmerte sich in der Lorraine die Gumpesel-Reparaturwerkstatt
zusätzlich und professionell um defekte Gerätschaften
aller Art. Heute findet sich die Kunden-Reparaturwerkstatt im Liebefeld.
In Kooperation mit dem kantonalen Amt Berner Wirtschaft beco
und Verkaufstrainer Simon Niederhauser organisiert der Gumpesel
im
Pico Bollo seit 2003 auch erfolgreich die externen Kurse «Verkauf
Detailhandel» mit mehrwöchigen Stages für Stellensuchende.
Seit Januar 2005 bieten Gumpesel und Simon Niederhauser als Ergänzung
zu diesen externen Kursen zudem innovative Verkaufslehrgänge
im eigenen Laden Pico Bollo an. Der Lehrgang ist in enger Zusammenarbeit
mit der Abteilung Arbeitsvermittlung des beco entwickelt und gestartet
worden.
Seit Mitte 2005 firmieren die beiden sozialen Qualitätsmarken
Spielzeug-Recyclingwerkstatt Gumpesel und Velo-Recyclingwerkstatt
Drahtesel als gemeinsames soziales Unternehmen mit Firmensitz in
Bern-Liebefeld. Neuer Untertitel im gemeinsamen Logo: Arbeit mit
Perspektiven.
Pico Bollo als Laden am Bollwerk 35 und als Online-Shop bilden
die Verkaufsplattform der Recycling-Werkstätten Gump- & Drahtesel.
Sie sind alle ein Unternehmen der Stiftung für soziale Innovation
mit Sitz in Bern. |